"Ich bin erleuchteter als du!"...

Jesus Christus HingabeWer kennt es nicht: Am spirituellen Weg werden Dinge erkannt, Aspekte des Ichs ertappt, Unterbewusstes aufgelöst, Karten gezogen, Steine verehrt, Mantren gesungen und wertvolle Erfahrungen gesammelt. Und dann ist es soweit: wieder eine Erkenntnis, "ich" habe es erfasst, "mir" ist es so klar - und der Reformationsgeist der eigenen Überheblichkeit erwacht voll und ganz. "Ich" sehe und fühle das aber anders... "Du" solltest vielleicht dies oder das tun. Die Arroganz des Ichs ist in diesen Momenten der Erkenntnis am Erblühen... Ein Artikel von Martina Schuhai

Februar 2011  Mein erster Reiki-Treff bei den Exls. Gott sei Dank sind da ein paar liebe Menschen aus meinem Reiki 1-Kurs, die ich kenne, die genauso wenig Erfahrung mitbringen wie ich. Die anderen betrachte ich ehrfürchtig gespannt, mit dem untrüglichen Gefühl im Bauch: „Die sind mir sicher einiges voraus, die sind sicher schon viel weiter…“ und wie der Zufall es so will, sitzt da sogar eine Meisterin unter uns. Hm, kein Lichterkranz, der sie umgibt - eigentlich völlig normal die Frau, eine ganz liebe, herzliche Person, die mir „Neuling“ aufmerksam und ehrlich begegnet, so wie es Sabine und Matthias von der ersten Sekunde an taten.

April 2011 Wieder in Grassdorf treffe ich alte Bekannte – man fragt sich gegenseitig, was man denn inzwischen gelernt, geübt, erfahren habe und einige berichten von unzähligen Behandlungen, die sie schon durchgeführt haben, andere von außersinnlichen Wahrnehmungen, manche von tiefen Erkenntnissen. Und wie geht es mir? Ich habe nichts vorzuweisen, außer klitzekleinen Schrittchen in die angepeilte Richtung und mein Ego freut sich unglaublich, mich kleinzumachen.

Mai  2011 Bei einem Treff ein Gespräch mit Matthias im Plenum, keine Ahnung mehr, worum es geht, ich diskutiere mit und sage: „Ich weiß, ich bin noch nicht soweit wie du…“  - und Matthias wird fast böse und schneidet mir das Wort ab: „Sag so etwas nie wieder – niemand ist „weiter“ als der andere - auch du bist bereits perfekt, du hast schon alles erreicht, du musst nur aufwachen, um das zu erkennen!“  - Zu diesem Zeitpunkt eine Ebene zu hoch für mich.

August 2011  Ich telefoniere mit einer lieben Freundin und sie versucht mir in einer schwierigen Situation zu helfen. Sie tut dies aber nicht auf meiner Ebene, sondern von ihrer Warte der erfahrenen Reiki-Behandlerin aus. Obwohl sie es gut meint, erreicht sie mich nicht, kommt ihre Hilfe nicht an, ich bin überfordert und fühle mich überfahren.

Oktober 2011 Vieles wird klarer, schöne und schmerzliche Erfahrungen bringen mich weiter.

Dezember 2011 Ich beginne für diesen Artikel zu recherchieren und vieles zu überdenken.

Ist nicht jeder Mensch heutzutage irgendwie in der einen oder anderen Art „auf dem spirituellen Weg“? – auf dem Weg, als Mensch zu wachsen und sich weiter zu entwickeln, reifer zu werden, bewusster und mitfühlender? Inkludiert ist dabei die Sache mit der Selbst- und Fremdeinschätzung, manifest in der „Wie-weit-bin-ich-auf-dem-Weg-Frage“.

Spirituelle Arroganz

Man kann fast von „spiritueller Eitelkeit“ sprechen: Einerseits, wenn ich mich als Autorität in spirituellen Fragen fühle und andererseits, wenn ich andere durch meine Verehrung in diese Position bringe. Das soll nun wirklich nicht heißen, dass Autoritäten in jedem Fall abzulehnen sind, ganz im Gegenteil, sie können in vielerlei Hinsicht sinnvoll sein, von der Kindererziehung angefangen bis in alle Bereiche, wo Expertise nötig ist. Als „spirituelle Arroganz“ wäre nun der Glaube eines Schülers zu werten, dass „er schon ein wenig weiter sei als der andere“, weil er doch z.B. schon so viele Seminare besucht hat und ganze Bibliotheken in seinem Kopf sich breit machen. Ich persönlich denke, alle Seminare und alle Bücher dieser Welt helfen dem wahrhaft Suchenden nicht weiter, wenn er es nicht lebt und erfährt, was er hört und liest. Wenn mir jemand erklärt: „Der 3. Grad von Reiki ist eben ganz was anderes als nur der zweite – da bin ich eben ein Meister!“, muss ich lächeln und wünsche ihm oder ihr das wahre Erkennen. Die alten Meister früherer Jahrhunderte wussten um diese Krankheit der spirituellen Arroganz und sie schoben ihr einen Riegel damit vor, dass die Weitergabe einer spirituellen Tradition nur persönlich vom Meister/in zum Schüler/in vollzogen wurde und nicht per Schriften und Praktiken und auch nicht zu einem selbstbestimmten Zeitpunkt, sondern erst auf Einladung des Lehrers.

Begegnung auf Augenhöhe

Weise Menschen haben immer wieder gefordert, sich immer „auf Augenhöhe“ zu begegnen, doch die meisten Beziehungen sind nicht so, besonders, wenn einer schon „weiter“ ist als der andere. Wolf Schneider hat das in seinem Artikel "Jenseits der Hybris" (sh. connection 6/2011) sehr gut dargestellt: Im westlichen Denken ist das völlig normal: Der „weniger Weite“ will vom anderen mehr lernen als umgekehrt. Diese Lernbeziehung gibt es im staatlichen Bildungswesen zwischen Lehrer/Schüler, Therapeut/Patient, Heiler/Klient, etc. Sie birgt aber eine Schwäche, die in der Fachsprache als Regression (=zeitweiliger Rückzug auf frühere Entwicklungsstufe in der Persönlichkeitsentwicklung) bezeichnet wird und uns gar nicht immer bewusst ist bzw. ab und zu sogar recht angenehm, so, wie wenn man in das kindliche Verhaltensmuster des „An-die-Hand-genommen-Werdens“ zurückfällt. Somit gibt man die Selbstverantwortung eine Zeitlang an den ab, der „erleuchteter“ ist. Oh ja, wie oft habe ich das im letzten Jahr bei Matthias und Sabine erlebt, dass ich ganz zufrieden dagesessen bin und mich habe führen lassen und gewartet habe, dass Matthias mir schon die richtige Antwort geben wird! Saleem Matthias Riek formuliert dazu passend: „Es gibt ein tiefes Bedürfnis in uns, Menschen zu idealisieren, die sich dazu eignen. Wir könnten auch sagen: Wir alle sind immer noch auf der Suche nach unserem idealen Vater oder unserer idealen Mutter.“ Das Eintauchen in den Umkreis eines spirituellen „Gurus“ kann uns zum Teil dieses Gefühl des „Angekommen-Seins“ vermitteln. Das ist nichts Verwerfliches, wenn wir uns bewusst werden, dass „Ideale“ nicht im Außen, nicht im besten Lehrer/in zu finden sind, sondern nur in unserem Selbst. Und auf dem Weg dahin, ist es eine wunderbare Sache, Lehrer neben sich zu wissen, die einen begleiten und uns manchmal auch eine bestimmte Richtung weisen.

Rollenwechsel willkommen

Wie kann ich nun vermeiden, dass ich mich spirituell arrogant verhalte oder in eine Regression zurückziehe? Das Geheimnis besteht in einem Rollenwechsel, indem der Lehrer vom Schüler, die Eltern vom Kind lernen oder der „Weitere“ vom „weniger Weiten“ am Weg. Das erfordert aber Einsicht und Demut und eine absolut wertfreie Begegnung von beiden Seiten. Leider geschieht dies oft nicht, da ab einem bestimmten Status im spirituellen Bereich der „Erleuchtete“ meint, nicht mehr „zurück“ zu können oder von anderen auf einen imaginären Thron gesetzt wird. Dass dies keinem nützt, vor allem dem „Erleuchteten“ am allerwenigsten, erklärt sich wohl von selbst. Aber ich denke, dass es in unserer leistungsorientierten Welt, die von messbaren Erfolgen und Titeln sowie Vermögenswerten geprägt ist, für viele schwierig ist, dann im spirituellen Bereich auf „Statussymbole“ zu verzichten.
Ideal wäre es, sich über den eigenen Fortschritt am Weg einfach zu freuen und zu schweigen (und das fällt wahrscheinlich nicht nur mir so schwer…). Ich wünsche allen Suchenden, ihren Weg in Liebe und Bescheidenheit zu gehen und durch ihr Leuchten und Sein Zeugnis von ihrer Entwicklung zu geben und nicht durch Stolz und Zertifikate in der Schublade!

Der Weg ist das Ziel

„Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein…“, verlangt Jesus in der Bibel von den Menschen und so möchte ich nicht diejenige sein, die andere verurteilt, spirituell arrogant oder umgekehrt „noch nicht so weit“ zu sein – auch ich bin nur ein Puzzleteil des großen Ganzen, mache unzählige Fehler und suche den Platz, der für mich bestimmt ist. In der Natur des Menschen ist eine fantastische Fähigkeit angelegt: Die Möglichkeit zu lernen und sich dadurch zu entwickeln und es ist unsere Aufgabe, unseren Verstand genau dazu zu benutzen. Dagegen ist kaum etwas einzuwenden. Immerhin sind wir alle unterwegs auf dem Weg unseres Lebens, der eigentlich unser Ziel sein sollte, denn dieses Leben bietet uns genau die Chance dazu, zu lernen und zu sehen und dann zu „sein“. Doch all unser angehäuftes Wissen, alle Titel und Diplome, die wir eventuell im Laufe unseres Lebens erwerben, alle esoterischen Kurse und Ausbildungen, die wir durchlaufen, alle Fertigkeiten, über die wir dann verfügen, bringen die allein uns auch nur einen Millimeter näher zum Ziel?
Nein, ich bin fest davon überzeugt, dass nur ein „Erfahren“ der Dinge wirklich Erkenntnis bringen kann: Ich muss es mit dem Herzen lernen, mit meiner Seele spüren, im Wind hören und in der Erde riechen, mit ALLEN Fasern meines Selbst, nicht nur mit meiner ratio. Folge ich diesem Gedanken, wird klar: Ich kann von allen Dingen, Lebewesen, Umständen etwas lernen, wenn ich bereit bin, mich darauf einzulassen. Manchmal verstehe ich die Botschaften (noch) nicht, manche Dinge werde ich vielleicht nie begreifen, aber allein das Bewusstsein dieser Möglichkeit, in allen Dingen, die mich umgeben, einen Lehrer oder eine Lehrerin zu sehen und dadurch besser zu verstehen, welche Aufgaben mir in diesem Leben zugeteilt sind, macht Arroganz am Weg eigentlich unmöglich – sie wird ersetzt durch Dankbarkeit, Aufmerksamkeit und Wandlung.
Je länger ich meinen Weg gehe, desto besser kann ich das innere Licht derer erkennen, denen ich begegne, und dieses Licht brennt in jedem irgendwo, als offenes, wärmendes, strahlendes Feuer oder als verstecktes Glutpünktchen unter einem Berg von Asche – also schließe ich meine Überlegungen mit der Erkenntnis: „Jeder von uns kann leuchten – ob wir jedoch auch „erleuchtet“ sind, das ist eine andere Frage und die muss sich jeder selbst stellen.

Im Gedanken des Teilens

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